Eine kurze Geschichte von jemand, der keine Zeit hat

“Ach verflixt”, deutlich genervt sitzt Herr K. vor seinem Computer. Eigentlich ist längst Feierabend. Das Fußballspiel, auf das er sich schon tagelang gefreut hatte, ist seit einer halben Stunde angepfiffen. Aber er spielt schon seit Wochen in einer ganz anderen Liga. Vierhundertachtundsechzig Katalogseiten, einmal jährlich, auf Deutsch – Englisch – Französisch – Spanisch. Abgabetermin vorgestern. Für einen Moment lehnt er sich zurück, schüttelt Arme und Beine aus, lässt die Gedanken schweifen: “Könnte man nur die Zeit anhalten”.

Wirklich eine schöne Idee. Leider, wir wissen es alle, das mit dem Anhalten funktioniert nicht. Isaac Newton sagt es so: “Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand.” Mehr als 200 Jahre lang hat diese, von ihm in der Abhandlung “Philosophiae Naturalis Principia Mathematica” 1686 aufgestellte These die Auffassung von absolutem Raum und absoluter Zeit in der Philosophie und den Naturwissenschaften dominiert. Also, unveränderlicher Raum und unbeeinflussbar fortschreitende Zeit, so erleben wir es alle, Tag für Tag, Minute für Minute. Keine Chance also, irgendwie am Rad der Zeit zu drehen.

Herr K. steht auf. Mehr als drei, vier Schritte gibt das Büro nicht her. Er stellt sich vor das Fenster, drückt die Knie einmal kräftig durch, dehnt den Rücken. “Das tut gut. Ob schon ein Tor gefallen ist”? Morgen früh wird er es in der Zeitung lesen. Wenn er an den Berg Arbeit denkt, der noch vor ihm liegt, ist ihm klar, dass viel zu früh “morgen früh” sein wird. Noch einmal streckt er seine etwas lahm gewordenen Glieder. “Die Zeit strecken, wenn man sie schon nicht anhalten kann” denkt er, “das wäre im Moment effektiver”.


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